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  • under_cover GbR & Jan-Hendrik Cropp

Die Fallstricke des „Carbon Farming“


“Carbon Farming” ist agrarpolitisch und in der landwirtschaftlichen Praxis zur Zeit sehr angesagt. Ziel hierbei ist es über landwirtschaftliche Maßnahmen Kohlenstoff aus der Atmosphäre langfristig im Boden zu binden und so den Klimawandel zu verlangsamen. Ob und ich welchem Umfang dies möglich ist wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Gleichzeitig stellt sich die Frage ob es politisch überhaupt sinnvoll ist, auf „Carbon Farming“ zu setzen.


Zuerst erschienen in: Wege für eine Bäuerliche Zukunft - Zeitschrift der ÖBV-Via Campesina Austria - Österreichische Berg- und Kleinbäuer*Innen Vereinigung - Nr. 371 Nr. 1/2022 siehe https://www.viacampesina.at/


Mit der „4 Promille“-Initiative (diese will 0,4 % Kohlenstoffspeicherung pro Jahr in landwirtschaftlichen Böden erreichen; siehe https://www.4p1000.org/) der französischen Regierung die bei den Klimagesprächen COP21 vorgestellt wurde, hat „Carbon Farming“ die weltpolitische Bühne betreten. Darauf folgte die Gründung unzähliger Start-Ups, die diese landwirtschaftliche Kohlenstoffspeicherung sicher messbar machen und die daraus errechneten CO2-Äquivalente als Verschmutzungsrechte bzw. Emissionszertifikate an Unternehmen gewinnbringend weiterverkaufen wollen. Hierdurch sollen sich zu guter Letzt die Bäuer*innen über einen Zusatzverdienst freuen können und endlich für ihre harte, unbezahlte Arbeit am Ökosystem entlohnt werden.


Man könnte meinen: Überall nur Gewinner*innen: Klima, Bäuer*innen, Unternehmen, Böden, Regenwürmer… Alle happy, oder? Die kritischen Leser*innen werden spätestens an dieser Stelle den Kopf schütteln. Lasst uns deshalb einen kritischen Blick auf den Themenkomplex wagen.


Politische Fallstricke


Zuerst einmal sei die grundlegende Frage erlaubt, warum Landwirtschaft eigentlich die Welt retten soll. Nichts gegen Anbausysteme, die die Bodenfruchtbarkeit steigern. Das ist auch mein Herzensanliegen. Ich habe darüber vor Kurzem ein ganzes Buch geschrieben: das „Praxishandbuch Bodenfruchtbarkeit“. Aber warum sollen diese Ansätze in kapitalistischer Logik monetarisiert werden und im Rahmen des zur Genüge kritisierten CO2-Zertifikatshandels dafür herhalten, dass die Verantwortlichen für die Klimakrise weiterhin „business as usual“ veranstalten dürfen?


Diskursiv lenkt „Carbon Farming“ den Blick von der Tatsache weg, dass unser Lebensstil radikal transformiert werden muss, wenn wir das Klimachaos auch nur ansatzweise erträglich machen wollen. Kurz gesagt: Wer die Autoindustrie nicht abwickeln will, dem kommen „Carbon Farming“-Zertifikate gerade recht.


Materiell bedeutet die Praxis eine weitere „in-Wert-setzung“ von Natur, in diesem Fall des Kohlenstoffs im Boden bzw. des Bodens selbst. Und rein praktisch bedeutet sie eine Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten von Bäuer*innen die in Zeiten des sich abzeichnenden Klimachaos wahrscheinlich alle Register in Sachen Bewirtschaftungsformen ziehen müssen, um die Menschheit noch halbwegs ernähren zu können. Was meine ich damit?


Fachliche Fallstricke


Um die fachlichen Fallstricke zu erläutern, macht es Sinn, die Möglichkeiten der Kohlenstoffspeicherung in Böden noch einmal grob vereinfacht darzustellen. Wissenschaftlich ist man sich im Großen und Ganzen einig, dass die extrem stabilen Dauerhumus-Verbindungen im Boden durch die Bewirtschaftungsform kaum vermehrt werden können (außer gegebenenfalls durch Biokohle, was ein Kapitel für sich ist). Humusaufbau in der praktischen Landwirtschaft bedeutet also immer „nur“, den Auf- und Abbau von Nährhumus auf ein höheres Fließgleichgewicht zu heben. Je höher der Überschuss an Kohlenstoff, Stickstoff und anderen Elementen, die für Bildung von Nährhumus notwendig sind, desto höher das neue Fließgleichgewicht.


Nährhumus allerdings ist deutlich instabiler und volatil. Er kann zwar relativ schnell auf-, aber dadurch ebenfalls auch schnell wieder abgebaut werden. Das heißt im Klartext: Selbst wenn mit den beworbenen, „regenerativen“ Methoden Nährhumus aufgebaut wird, so müssen diese Maßnahmen quasi „für immer“ beibehalten werden, damit der Kohlenstoff festgelegt und gebunden bleibt.


Nehmen wir den intensiven Zwischenfrucht- bzw. Begrünungsanbau als Beispiel und nehmen wir weiters an, dass dieser tatsächlich Nährhumus aufbaut (was wissenschaftlich keineswegs so eindeutig belegt ist). Um das sich daraus ergebende höhere Fließgleichgewicht an Nährhumus zu halten, muss jedes Jahr eine Menge X an Biomasse erzeugt und im Boden als Humus festgelegt werden.


Ändert sich das Klima nun insofern, als dass der Gesamtniederschlag in einer Region sich halbiert und/oder ungünstig verteilt ist, dann ist die Erzeugung entsprechender Begrünungen gegebenenfalls nicht mehr möglich. Das Wasser wird komplett für die Erzeugung von Lebensmitteln benötigt. Der Begrünungsanbau wird also zwangsläufig eingestellt und die entsprechenden Kohlenstoffmengen werden relativ kurzfristig wieder in die Atmosphäre abgegeben. Da wir als Gesellschaft allerdings noch Kohle verbrennen, dessen Emissionen durch den Anbau von Begrünungen kompensiert werden sollten, fliegt uns die ganze Klimapolitik um die Ohren und das Klimachaos verschärft sich. Alternativ bekommen wir eine Ernährungskrise, weil der Begrünungsanbau aus Klimaschutz-Gründen beibehalten wird und der Lebensmittelerzeugung anschließend das Wasser fehlt.


Ähnliches lässt sich für die Speicherung von Kohlenstoff in oberirdischer Biomasse sagen. Die Evidenz beispielsweise für das Bindungspotential von Agro-Forst liegt auf der Hand. Mehr Bäume in der Landschaft speichern mehr Kohlenstoff in ihrer holzigen Biomasse (und ihren Wurzeln). Auch diese Rechnung geht allerdings nur auf, wenn die Anzahl der Bäume dauerhaft auf dem angestrebten Niveau gehalten wird. Das heißt, dass Bäume konsequent nachgepflanzt werden oder aber das Holz alter Bäume nach der Fällung im in der Rechnung angesetzten Umfang als Bau- oder Möbelmaterial dauerhaft in Häusern oder Wohnzimmern „festgelegt“ wird. Führt die Klimakrise nun im schlimmsten Fall allerdings dazu, dass Nachpflanzungen auf Grund von Wassermangel nicht mehr gelingen und wegen Brennstoffknappheit im Winter wieder vermehrt Holz verheizt werden muss, fliegt uns auch diese Rechnung komplett um die Ohren. Vor allem dann, wenn dadurch die „Verschmutzung“ anderswo ermöglicht wird.


Anpassung und Resilienz statt Kohlenstoff-Bindung als Motivation!


Sollten wir also den Kopf in den Sand stecken? Keineswegs! Ganz im Gegenteil. Allerdings sollte die Motivation zur Änderung unserer Bewirtschaftung eine andere sein. Denn fest steht: Uns stehen unvorhersehbare und chaotische Zeiten bevor. Das Klima wird sich massiv ändern, Extremwetter wird sich häufen, Dürren und Überflutungen könnten sich die Hand reichen.


Um genau damit klar zu kommen, brauchen wir humusreiche Böden und resiliente Anbausysteme, die vielfach mehr Bäume enthalten sollten, als es heute der Fall ist. Hohe Humusgehalte, eine perfekte Bodengare, Mulchauflagen, Begrünungen und Zwischenfrüchte, Untersaaten und Gemenge, eine angepasste Bodenbearbeitung sowie Bäume und Hecken, die die Verdunstung fördern, den Wind bremsen und Schatten spenden: All das brauchen wir, wenn komplett ausgetrocknete Böden möglichst viel Wasser aus dem Unwetter speichern sollen, das der Dürre folgt.


Und: Wir sollten mit all dem besser gestern als heute anfangen. So gute Bedingungen wie heute werden wir morgen nicht mehr haben. Noch können wir mit ausreichendem Niederschlag rechnen und wir haben noch zahlreiche Möglichkeiten, die Bodenfruchtbarkeit zu steigern. Wir können uns heute allerdings noch kaum vorstellen, zu welchen Bewirtschaftungsmethoden wir greifen müssen, um unsere Gesellschaft in Zukunft zu ernähren und zu versorgen. Nutzen wir die letzten „ruhigen“ Jahrzehnte, um den Boden für diese Zeiten vorzubereiten.


Es geht um Anpassung an ein sich wandelndes Klima und um die Stärkung der Resilienz unserer Betriebe für krisenhafte Wetterveränderungen. Darüber sollten wir sprechen. Und wenn wir damit gewissermaßen als Nebeneffekt noch ein bisschen Kohlenstoff speichern und damit die Klimakrise verlangsamen, dann nehmen wir das natürlich gerne zur Kenntnis. Dass diese Maßnahmen politisch und ökonomisch belohnt werden, dafür sollte man kämpfen. Zu einem Spielball kapitalistischer Klimapolitik sollten sich Bäuer*innen genau deshalb aber nicht degradieren lassen.


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